Rote Augen, drei Lippen und Super-Väter: Die bizarren neuen Seespinne der Salish Sea
Gerade als man dachte, die Gewässer des pazifischen Nordwestens hätten keine bizarren Geheimnisse mehr parat, tauchten kanadische Meeresbiologen vor der Küste von British Columbia ab und präsentierten der Welt ein Wesen, das direkt aus einem abgedrehten Science-Fiction-Roman entsprungen scheint: eine Seespinne mit rubinroten Augen, einem dreilippigen Rüssel, behaarten Beinen und Vätern, die hunderte Babys im Känguru-Stil spazieren tragen.
In einer im Fachjournal Organisms Diversity & Evolution veröffentlichten Studie identifizierte ein Team um den UBC-Zoologen Cormac Toler-Scott zwei völlig neue Arten von Seespinnen (Pantopoden), die in den seichten Tangwäldern der Salish Sea leben. Es ist die erste formelle Entdeckung neuer Seespinne-Arten in dieser Region seit fast hundert Jahren.
🦀 Callipallene Pilosuspedes: Ein Meisterwerk im Gothic-Stil
Der Star der Entdeckung, Callipallene pilosuspedes (lateinisch für „Haarfüßig“), vereint einige der ungewöhnlichsten Eigenheiten der Meeresfauna:
- Gothic-Ästhetik pur: Auf ihrem Kopf thronen auffällige, rot glühende Augen, während ihre langen Beine mit gebogenen Borsten besetzt sind – was ihr das Aussehen eines samtigen Punk-Krabblers verleiht.
- Der dreilippige Rüssel: Statt Beißwerkzeugen besitzt sie eine Schnauze aus drei fleischigen Lippen, umgeben von Sensor-Tentakeln, mit denen sie Weichtiere und Nesseltiere sanft aufsaugt.
- Atmung durch die nackte Haut: Seespinnen besitzen weder Kiemen noch Lungen; Sauerstoff diffundiert direkt durch das zarte Außenskelett, während Darmmuskeln die Körperflüssigkeit durch die langen Beine pumpen.
Das Forscherteam entdeckte zudem eine zweite Art, Tanystylum kiixin, benannt nach einer historischen Siedlung der Nuu-chah-nulth auf Vancouver Island. Im Gegensatz zur geschmeidigen Haarfuß-Spinne ist sie stämmiger gebaut und bildet ein ganzes wandelndes Mikro-Ökosystem voller mikroskopischer Parasiten und Algen.
🍼 Hausmänner der Tiefsee: Vorbildliche Väter
Auch wenn Seespinnen aussehen wie Alien-Invasoren – in Sachen Familienfürsorge sind sie uns weit voraus:
- Väterliche Alleinverantwortung: Bei Seespinnen legen die Weibchen die Eier ab und verabschieden sich postwendend. Die komplette Aufzucht liegt beim Vater.
- Spezielle Tragebeine („Ovigere“): Männliche Seespinnen besitzen eigene Brutbeine unter dem Bauch, mit denen sie Eiballen behutsam festhalten und putzen.
- Mobile Kita im Seetang: Der stolze Spinnenvater trägt die Eier monatelang durch die Gezeitenströmungen, belüftet sie unermüdlich und schützt sie, bis die Minispinnen schlüpfen.
Zwei neue Arten direkt vor den Küstenmetropolen Vancouver und Victoria zu finden, zeigt eindrucksvoll, wie viel Wunderwelt noch in den Gezeitenzonen verborgen liegt. Mit ihren leuchtend roten Augen und der unvergleichlichen Hingabe als Papa ist Callipallene pilosuspedes ohne Zweifel das charmanteste Monster des Ozeans.
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